„Warum ist der Eingang des Stadthauses so unscheinbar?“

...fragte jüngst ein architekturinteressierter Stammbesucher.

Ah, eine gute Gelegenheit, wieder einmal etwas über das Leben mit Richard Meier zu erzählen:

Ich weiß noch, wie irritiert ich war, als ich zum ersten Mal das Museum für angewandte Kunst in Frankfurt am Main besuchte. Soll das hier jetzt der Haupteingang sein, fragte ich mich, oder bin ich, mal wieder alle Schilder übersehen habend, am Lieferanteneingang gelandet? Das Museum für angewandte Kunst war Richard Meiers erster Museumsbau in Europa, entstanden Mitte der 1980er Jahre. Damals war er in den USA schon berühmt, doch mit gerade mal 50 immer noch jung genug, Fehler zu machen, so dachte ich, damals 30 und immer noch auf der Suche nach dem „richtigen“ Eingang. Fehler, wie halt einfach zu vernachlässigen, dass ein Eingang gefunden werden muss. Deshalb werden Haupteingänge betont, das ist doch klar. Nur zum Beispiel fiel mir die raumgreifende Freitreppe hinauf zur Neuen Pinakothek in München ein, 1981 eröffnet, erdacht von Alexander von Branca. Von Branca hatte übrigens auch einen Entwurf für die Neugestaltung des Ulmer Münsterplatzes eingereicht, mit der dann aber, das wissen wir ja nun, Eingangsvernachlässiger Meier beauftragt wurde. Was hätten wir auch mit einer Freitreppe auf dem Münsterplatz gewollt.

Inzwischen habe ich das Museum Rolandseck erkundet, wo der Meier-Bau überhaupt keinen Eingang zu haben scheint, geschweige denn einen Haupt-, sondern der Zugang als unterirdischer Tunnel wie eine Wurzel aus einem klassizistischen Bahnhof herauswächst. Oder das Burda Museum Baden-Baden, wo jeder auch nur halbwegs neugierige Besucher die Friedrichstraße an der so genannten Rückseite des Museums hinaufgeht, um zu erleben, wie das Gebäude aus geringster Distanz auf Augenhöhe „von hinten“ wirkt.

„Kann man sagen, Mister Meier, Sie wollen nicht, dass Ihre Häuser als Baukörper mit einer prestigeträchtigen Front und einer, nun mal unvermeidbaren, Rückseite erfahren werden? Ist das der Grund, warum Sie jede Überbetonung eines Eingangs geradezu abzulehnen scheinen? Weil Ihnen jede Seite Ihres Gebäudes, egal von wo aus wir uns annähern, gleich viel wert ist?“ „You are correct“, antwortet Richard Meier darauf in der ihm eigenen treffsicheren Verbindlichkeit. Kein Wort zuviel.

Karla Nieraad


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