Eingang zur Daniel Johnston Ausstellung im Stadthaus. Foto: Sabine Presuhn

Warum gibt es Außenseiter-Kunst im Stadthaus?

frage ich als Steuern zahlender, christlicher Unternehmer

Sehr geehrter Fragesteller,
unsere Ausstellungen sollen sich mit der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Gegenwart beschäftigen. Realität sind zum Beispiel „Leistungsträger“, die auf von Unternehmen ausgelobte „Leistungsprämien“ hinarbeiten. Immer älter werdende Menschen, die ihren Körper optimieren. Frauen, die mit 48 aussehen wie 38, nur ohne Mimik, weil sie Angst haben, mit Falten um den Mund nicht geliebt zu werden. Unsere Zeit ist die des Burnouts, ein Massenphänomen, allmählich anerkannt als Form der Depression.

Depression übrigens ist die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung, eine moderne Volkskrankheit. Unsere Welt wird immer schneller und globaler. Menschen, die, warum auch immer, nicht mehr der Norm der Gesellschaft entsprechen, sind in Gefahr, von ihr überrollt zu werden. Grund genug innezuhalten und den Blick auf Außenseiter zu richten. Gerade in einem Haus, das sich den Themen der Gegenwart widmet. Einigen Outsider-Künstlern haben wir bereits Einzelausstellungen gewidmet. Es eint sie eine unbändige Gestaltungskraft, ihr Freiheitswille und die Abgewandtheit von bürgerlichen Regeln.

Gustav Mesmer im selbst gebauten Flugapparat. Foto: Stefan Hartmaier

Gustav Mesmer (1903 bis 1994) störte einen Gottesdienst, als er ausrief, dass hier „nicht das Blut Christi ausgeteilt“ werde und sowieso „alles Schwindel“ sei. Dem folgten über vier Jahrzehnte in der oberschwäbischen Psychiatrie, die er womöglich nicht überlebt hätte ohne seine Fantasie, Flugfahrräder zu erfinden, mit denen es sich „von Dorf zu Dorf, knapp über die Kronen der Apfelbäume hinwegschweben“ ließe.

Karl Hans Janke mit seinem Modell "Sonnenland". Foto: Karl Hans Janke Museum, Wermdorf

Karl Hans Janke (1909 bis 1988) verbrachte vierzig Jahre in der DDR-Psychiatrie. Auch er wollte fliegen, zumindest wollte er fort, und erdachte nuklear betriebene Raumschiffe, Motoren und komplizierte Triebwerke, das Atom-Auto und die Atom-Lokomotive.

Raumschiffe finden sich auch im Universum des Daniel Johnston, Jahrgang 1961. Er leidet an der bipolaren Störung, im allgemeinen Sprachgebrauch ist er „manisch-depressiv“. Über 500 Songs hat er bis heute aufgenommen. Kurt Cobain, Beck oder Tom Waits ließen sich von ihm inspirieren. In tausenden Zeichnungen hat Johnston eine Welt aus Variationen von Comic-Helden geschaffen, Menschen mit Superkräften. Manchmal stehen bei ihm Nazis für das Böse. „So sad“, kommentiert Captain America.

Normann Seibolds Bilder 2008 im Stadthaus. Foto: Sabine Presuhn

Wo in der Nazi-Zeit über 10.000 behinderte Menschen behördlich angeordnet ermordet wurden, beinahe auch Gustav Mesmer, in Grafeneck, lebt Normann Seibold, Jahrgang 1968. Er ist kein Autodidakt wie die meisten Outsider Artists, war Meisterschüler an der Kunstakademie. Seibold, der wenig spricht, drückt sich über Gemälde mit zentimeterdickem Farbauftrag aus, so brutal in den Motiven wie in den Farben harmonisch. Vom „Ringen mit der eigenen Existenz“ ist bei ihm oft die Rede.

Outsider Art - ein ungenügender Begriff - kann eine Saite im Betrachter oder Zuhörer berühren, die eine auf ihre Wirkung hin berechnete, sich inszenierende, marktorientierte oder belehrende Kunst - viele der zeittypischen, konzeptuell bemühten „Interventionen“ etwa - nicht erreicht. Warum das so ist? Es muss mit der Welt zu tun haben, in der wir leben.
Karla Nieraad

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