"Mister Kruppa, make it as white as possible."

Ulm, irgendwann Anfang der 90er. Knisternde Spannung lag in der Luft. Ortstermin am Meier-Kiosk: Herren mit Schlips und Kragen (stell ich mir vor) warteten auf das Erscheinen Richard Meiers. Wer Funktion, Führungsposition und Einfluss hatte, war gekommen, ob Chefs und Zuständige der städtischen Bauverwaltung oder des bauleitenden örtlichen Architekturbüros, ob Vorhut des Architekten aus Amerika. Am meisten soll der hinzuzitierte Malermeister unter dem akuten Adrenalinausstoß gelitten haben. Sechs unterschiedlich abgetönte Weiße hatte er mischen müssen.

Probegestrichen präsentierten sie sich auf sechs sauber abgezirkelten Flächen am Meier-Kiosk. Wir stellen uns vor: Blütenweiß, Weißer Riese-Weiß, Schneeweiß, Milchweiß, Hemdkragenweiß und noch ein weiteres Weiß. Die Zusammensetzungen hatte er sich aufs Genaueste merken müssen, um nachher exakt das Weiß wieder hinzukriegen, das der Stararchitekt für den Außenanstrich des Stadthauses, hoffentlich, wählen würde.

Richard Meier trifft ein. Weißes Hemd, schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, halblanges weißes Haar, Kupferarmreif. Kaum hat sein Sekundenbruchteilsblick die sechs Weiße gestreift, als er sich auch schon dem Projektleiter des Hochbauamts zuwendet: "Mister Kruppa, make it as white as possible." All right. Ortstermin beendet.

Mehr als zwanzig Jahre später zaubert dieser Satz dem in der Bauverwaltung für seine distanziert kühle – ja geradezu norddeutsche - Sachlichkeit bekannt gewesenen Axel Kruppa immer noch ein helles Lächeln ins Gesicht.

Karla Nieraad

"Warum ist das Stadthaus weiß?" Eine Antwort auf diese und andere echt spannende Warum-Fragen finden Sie auch in dieser Rubrik. Stöbern lohnt sich!


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