2000 kamen sie ins Stadthaus: die Löwenbrüder von Ulm. Foto: Paul Stauber

"Aber warum stehen diese alten Steinlöwen im Stadthaus, wenn sie doch dem Ulmer Museum gehören?",

fragte ein kluges Mädchen bei einer Kinderführung.

Jahrhunderte wachten sie am westlichen Stadttor über den Zutritt zur Stadt. Ihr Platz war, wo heute die Nord-West-Wand des Stadthauses ist (also in Richtung Hirschstraße). 1538 wurde das so genannte "Löwentor" abgerissen. Was aber geschah mit den Löwen?

Er hingegen bewacht das Landgericht.  Foto: Karla Nieraad

Ein kluger Maurermeister

Sie fanden in der Fassade des "Schuhhauses" hinter dem Münster ein neues Zuhause - heute ist da im Erdgeschoss der italienische Feinkostladen und im ersten Stock der Kunstverein, in dem sich ein Besuch immer lohnt (Eintritt frei!) - und blieben. Länger als 250 Jahre. 1805 jedoch hat Maurermeister Peter Kramer sie aus der Schuhhausfassade heraus- und mit zu sich nach Hause genommen. Man sagt, er habe sie gerettet, denn in und um Ulm, das gerade den Status der Reichsstadt verloren hatte, bekämpften sich seinerzeit österreichische Soldaten, die die Stadt belagerten, und napoleonische Truppen. Maurermeister Kramer hat die Löwen dann einfach in die Fassade seines eigenen Hauses in der Hahnengasse 7 eingebaut.

Kein Fahndungsfoto, sondern ein moderner Löwe im Stadtbild. Foto: Karla Nieraad

Plötzlich verschwunden - nach 700 Jahren

Irgendwann um die Mitte des 20. Jahrhunderts wurden sie ein weiteres Mal verpflanzt, nun an ein Mauerstück am sichtbaren Teil der Staufermauer beim Weinhof, von wo aus sie etwa 20 Jahre lang auf die Schwörhausgasse 9 hinüberblickten. 1977 schließlich wurden sie ins Steindepot des Ulmer Museums verbracht und entschwanden nach über 700 Jahren aus dem Blick der Öffentlichkeit.

Liebevoll gekrault von der Restauratorin.  Foto: Paul Stauber

Liebe auf den ersten Blick

Im Jahr 2000 entdeckten wir die beiden Löwenbrüder dort und verliebten uns auf den ersten Blick. Alle waren froh - die Stadtarchäologen, die Leute vom Landesdenkmalamt, die Museumskuratoren, wir und, so ist zu vermuten, wohl auch die Löwen selbst -, als wir ihnen im Stadthaus ihre neue alte Heimat in unmittelbarer Nähe zu ihrem ursprünglichen Standort, dem "Löwentor", geben konnten. Hier haben sie endlich wieder etwas zu bewachen und vor allem: Sie können wieder öffentlich bewundert werden in ihrer einmaligen Würde und katzenhaften Schönheit als einige der ältesten Werke von Kunst im öffentlichen Ulmer Raum.
Karla Nieraad


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