Der US-Fotograf Richard Sharum richtet seinen Blick auf jene Bereiche der amerikanischen Gesellschaft, in denen der Mythos des „American Dream“ brüchig wird. Abseits gängiger Klischees zeigen seine Schwarz-Weiß-Fotografien individuelle Lebensrealitäten voller Verletzlichkeit, Widerstandskraft und stiller Würde. Seine Bildsprache ist ruhig und nahbar, ohne zu idealisieren oder zu entblößen – stets geprägt von respektvoller Aufmerksamkeit für den Menschen.
Für die Serie Spina Americana reiste Sharum entlang eines 100 Meilen breiten Nord-Süd-Korridors zwischen Kanada und Mexiko durch die sogenannten Flyover States. In einer zunehmend polarisierten Gesellschaft suchte er nach gemeinsamen Nennern und traf auf landwirtschaftliche Gemeinschaften, Wanderarbeiter, religiöse Gruppen, Familien und Einzelgänger. Er beobachtete alltägliche Rituale, Gespräche auf Veranden, brüchige Hoffnungen und ein Festhalten an Würde auch dort, wo Perspektiven rar sind. So entsteht ein vielschichtiges Porträt einer oft übersehenen Region, das grundlegende Fragen nach Zusammenhalt und gesellschaftlicher Spaltung aufwirft.
In American Homicide widmet sich Sharum der Allgegenwart von Gewaltverbrechen in den USA. Über drei Jahre hinweg begleitete er eine Mordkommission und dokumentierte anschließend die Lebenswirklichkeiten von Opfern und Tätern. Dafür besuchte er mehrere Gefängnisse, um Biografien jenseits stereotyper Zuschreibungen sichtbar zu machen. Seine Bilder zeigen die stillen Nachwirkungen von Verbrechen: Erschöpfung, Trauer und die tiefen Risse, die Gewalt in Familien und Gemeinschaften hinterlässt.
American Avenue schließlich begleitet Familien ohne festen Wohnsitz, deren Kinder dennoch täglich zur Schule gehen. Sharum dokumentiert provisorische Schlafplätze, Notunterkünfte und flüchtige Momente von Geborgenheit. Vor dem Hintergrund steigender Mieten und fehlenden bezahlbaren Wohnraums wird Obdachlosigkeit als strukturelles Problem sichtbar. Die Fotografien erzählen von großer Verletzlichkeit, aber auch von bemerkenswerter Stärke und dem Versuch, Würde und Hoffnung zu bewahren.
„Im Schatten des amerikanischen Traums“ hinterfragt das Selbstverständnis eines Landes und eröffnet einen Blick auf eine amerikanische Realität jenseits großer Erzählungen. Themen wie soziale Ungleichheit, prekäre Lebenslagen und gesellschaftlicher Zusammenhalt gewinnen dabei auch über die USA hinaus an Bedeutung.
Richard Sharum (*1978), in Texas geboren, arbeitet überwiegend autodidaktisch an langfristigen dokumentarischen Projekten zu sozialen Lebenswelten in den Vereinigten Staaten. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt und in renommierten Medien veröffentlicht. Heute lebt er im Bundesstaat New York.
Kuratorin: Daniela Yvonne Baumann
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