Am 26. April 1986 erschütterte die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl die Welt. Eine aus Reaktor 4 in die Atmosphäre hinausgeschleuderte radioaktive Wolke zog über ganz Europa hinweg.
Ein Gebiet mit einem Radius von 30 Kilometern um das Atomkraftwerk wurde zur Sperrzone erklärt. Mittlerweile erobert sich die Natur den von Menschen verlassenen Ort so still wie hartnäckig zurück. Einige Künstlerinnen und Künstler nehmen die Entwicklung genauer in Augenschein.
"Rückblickend hat die Atomkatastrophe der natürlichen Umwelt weniger geschadet als der anhaltende Einfluss des Menschen", rekapituliert Kurator und Fotograf Volker Kreidler mit seiner Arbeit "Dritte Landschaft" eine der wissenschaftlichen Thesen.
Dem Video "Chernobyl Safari" von Anna Jermolaewa liegt die Frage zugrunde: "Ist eine Welt ohne Menschen überhaupt denkbar?". Da lautet die Antwort wohl: ja. Mithilfe von in der Sperrzone installierten Wildkameras beweist sie aufs Eindrucksvollste: die Tiere und Pflanzen unseres Planeten brauchen uns Menschen nicht.
Maxim Dondyuk, Pierpaolo Mittica und Victoria Ivleva wenden sich stärker den Menschen zu. Angetrieben von dem Wunsch, dass man die Menschen, die einst dort lebten, nicht vergisst, barg Dondyuk seit 2016 in den verwüsteten Häusern Zurückgelassenes - vor allem Fotos, Briefe, Filmnegative.
Mittica suchte die wenigen Bewohner*innen auf, die, ohne dass man das groß zur Kenntnis nahm, ihre Häuser in den Dörfern der Sperrzone nicht verlassen haben, und auch die, die dort noch ihrer Arbeit nachgehen.
Ivleva schließlich ist die Frau, die 1991 Furore machte, als sie als erste Journalistin den Reaktor 4 betreten und dort fotografieren durfte.
Sehr weit in die Zukunft blickt Marcel Rickli. Mit seiner Serie AEON fragt er, wie wir heutigen Menschen sicherstellen können, dass noch die Menschen in einer Million Jahren wissen, wo sich Endlager hochradioaktiver Abfälle befinden.
Es betrifft uns und die, die nach uns kommen, hier ganz besonders, denn derzeit wird untersucht, ob die Region um Ulm für so ein Endlager ausgewählt werden könnte. Die Entscheidung wird erst in 2050 erwartet...
Auch bei dem Ulmer Andreas Thaler spielt unsere unmittelbare Region eine Rolle. Vor der Kulisse der Kühltürme wurde er auf ein Blutbannkreuz aus dem Jahr 1772 aufmerksam, das zu Zeiten auch in Gundremmingen für die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod der Untertanen stand.
Begleitend zu der Ausstellung erscheint unter dem Titel "Tschernobyl" eine Ausgabe der Reihe edition stadthaus, in der Michael Seefelder, ehemals Lokalredakteur im Verbund der Augsburger Allgemeinen, ausführlich die Geschichte des Atomzeitalters so erzählt, wie sie in Gundremmingen geschrieben wurde.
Außerdem darin: Kurztexte und Bildbeispiele aller acht Künstler*innen, die zur Ausstellung beitragen.
5 Euro, erhältlich im Stadthaus und in unserem Online Shop ab 23. Januar 2026.
Kurator: Volker Kreidler
Die Ausstellungseröffnung wird live gestreamt auf dem Stadthaus Ulm YouTube-Kanal: hier.
Der Beitrag von Marcel Rickli wird unterstützt von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia